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Warum wir nicht von Trauma „Heilung“ sprechen

Die Heilungserwartung erhöht den Leidensdruck

Als ob ein Leben mit Traumafolgestörungen nicht schon Herausforderung genug wäre, erhöhen selbsternannte Glückscoaches und Traumaheiler noch unseren Leidensdruck:

Sie suggerieren nicht nur, dass eine vollkommene Wiederherstellung nach dem Trauma möglich ist – sondern dass alles „leicht“ ist, weil es „leicht sein darf“.

Für Menschen wie uns kann das toxisch sein: Wir jagen da etwas hinterher, das wir nie wirklich erreichen können. Und wir erwarten dabei so viel von uns, dass wir uns selbst nur enttäuschen können. Damit ist die Abwärtsspirale Richtung Selbstverachtung und Verzweiflung regelrecht vorprogrammiert.

Ein kleines Wort mit großer Wirkung: Heilung

Per Definition (hier habe ich auf Wikipedia zurückgegriffen), bedeutet „Heilung“ erstmal „Wiederherstellung der Gesundheit unter Erreichen des Ausgangszustandes“.

Allerdings unterscheidet sich die psychotherapeutische Definition hier ein wenig. Zwar wird der Heilungsbegriff hier ebenfalls in Bezug zur Wiederherstellung der psychischen Gesundheit gesetzt. Allerdings gibt es unterschiedliche Theorien, und hier varriert die Definition: Von Alltagsfunktionalität über Problemlösung bis hin zur Stärkung des positiven inneren Erlebens. Sozialpsychologisch kann „Heilung“ auch bedeuten, dass man als Patient in der Lage ist, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Wir finden, dass der Begriff „Heilung“ ein falsches Bild dessen transportiert, das wir als Menschen mit Trauma und Traumafolgestörungen erreichen wollen und können:

Ein glückliches, selbstbestimmtes Leben. Für uns bedeutet das allerdings auch: Ein Leben OHNE Autopilot.

 

Ein glückliches Leben ohne Autopilot

In den letzten Wochen und Monaten habe ich unglaublich viel über meine eigene Traumatisierung gelernt. Und auch darüber, wie nachhaltig uns ein Trauma beeinflusst – selbst dann, wenn man eine Therapie abgeschlossen hat.

Hier kommt der meiner Meinung nach signifikante Unterschied zwischen dem Begriff „Heilung“ und wie wir ihn gemeinhin verstehen, wenn wir als „Laien“ oder „Spirituelle“ davon lesen oder hören: Wir glauben, dass wir wieder „normal“ funktionieren, sobald wir „geheilt“ sind. Und dass es keine weiteren Übungen, Praktiken oder Techniken braucht.

Wir setzen es gleich mit Heilung, Reha und Physiotherapie im körperlichen Bereich. Das Problem ist nur: Während unser Körper nach einer Verletzung und den angewandten Therapien tatsächlich seine ursprüngliche Beweglichkeit und Funktionalität zurückgewinnen kann, trifft das auf unseren Geist bzw. unser Gehirn in dem Ausmaß nicht zu.

Das Ergebnis: Sobald wir in den „Autopilot“ schalten und wieder unachtsam durch unser Leben stolpern, verfallen wir in genau die belastenden Verhaltensmuster zurück, die wir eigentlich durch die Therapie ablegen wollten (z.B. Panikattacken, Wutausbrüche u.ä. das auf die Unfähigkeit zur emotionalen Regulation zurückgeht). Und das führt dann natürlich zu noch mehr Frust und Selbstverachtung.

Ein weiterer Aspekt, der eine große Rolle spielt, ist unser Umfeld. Es mag sein, dass wir es durch die Therapie geschafft haben, unser Umfeld zu stabilisieren und sicher zu gestalten, damit wir uns selbst positiv entfalten konnten (bei mir persönlich war es zum Beispiel die Trennung von Sophias Papa, der Auszug, mein Partner Tobi, und auch mein Erfolg als spirituelle Coach).

Sobald die vermeintliche Sicherheit und Stabilität jedoch ins Wanken gerät, kann uns das ganz schön aus der Bahn werfen, wenn wir nicht an erlernten Techniken zur Selbstregulation festhalten, sondern aus dem Gefühl vermeintlicher Sicherheit in den Autopiloten schalten.

Durch die Pandemie ist mir das genau so passiert – und vielleicht geht es dir ganz ähnlich?

ich dachte, ich sei „geheilt“ und vor meinen alten, toxischen Verhaltensmustern gefeit. Die ganzen Coronaauflagen, die empfundene Ohnmacht und Hilflosigkeit, und auch die Umsatzeinbußen und meine Geschäftsaufgabe haben mich komplett aus der Bahn geworfen.

Ich habe gelernt, dass die positiven Veränderungen, die ich mir in der Therapie erarbeitet habe, nur dann auch meine gelebte Realität sind, wenn ich mich Tag für Tag, immer wieder, BEWUSST und ACHTSAM entscheide.

Und dass ich mich nur so lange so verhalte, wie ich mich verhalten möchte (wenn ich im Autopilot lebe), wie auch meine äußeren Umstände mein Gefühl von Sicherheit fördern.

Achtsam bleiben als Lebensaufgabe

Die letzten Wochen und Monate waren für mich furchtbar anstrengend: Ich war fast wieder da, wo ich vor meiner Therapie war.

Und das alles nur, weil ich dachte, ich sei „geheilt“ und „fertig“ uns könnte wie jeder andere normale Mensch einfach unachtsam und unbewusst vor mich hin leben.

Meine Zündschnur war wieder superkurz, meine Beziehung zu Sophia litt darunter genauso wie meine Selbstwertschätzung. Ich war ständig gestresst, war superschnell wütend, und eines Tages kam Sophia von der Schule nach Hause und meinte:

„Mama, in der Schule ist ein Mann, der kann dir helfen dass du nicht immer so wütend bist“.

An dem Tag hatte sich der Sozialpädagoge vorgestellt. Verdammt, ich steckte wieder voll in alten Mustern drin.

Naja, eigentlich war dieser Satz von Sophia auch super hilfreich. Daran habe ich nämlich erkannt, dass es Zeit war, wieder an mir zu arbeiten.

Und ich habe erkannt, dass „Heilung“ kein feststehender, ultimativer, unabänderlicher Zustand ist. Zumindest nicht für Menschen mit Traumafolgestörungen.

Seitdem gehe ich wieder achtsamer mit mir und meinen Traumafolgen um. Ich beobachte mich – und ich entscheide mich ganz bewusst, wie ich mich in herausfordernden Situationen verhalten möchte.

Meine Beziehung zu Sophia hat sich in kürzester Zeit wieder richtig entspannt. Und ehrlich gesagt mag ich mich selbst auch wieder mehr – wer ist schon gern ständig gestresst und genervt?

"HEILUNG" als Begriff toxischer Spiritualität

Bei meinen Recherchen zu Traumatisierung und Fortbildungsmöglichkeiten bin ich auf eine Methode gestoßen, die meine Abneigung gegen diese toxische Spirit-Bubble mit ihren falschen Heilsversprechen auf den Punkt bringt.

Natürlich werde ich diese Methode hier weder nennen noch verlinken, denn was da versprochen wird ist meiner Meinung nach lebensgefährlich, auf jeden Fall aber fahrlässig: In nur 30 Minuten „energetischer Behandlung“ soll man von all seinen Traumata befreit sein.

Natürlich ist diese Methode markenrechtlich geschützt, und nur diese eine Frau auf der ganzen Welt kann diese Methode lehren und praktizieren.

Natürlich ist sie nicht die erste, die solche kruden Heilsversprechen abgibt. Und sie ist auch nicht die einzige.

Aber sie ist die erste, die ich mit meinem neuen Blick auf und meinem neuen Verständnis von Traumatisierung betrachte. Und beim Gedanken daran, was sie bei Menschen wie uns langfristig anrichten kann, rollen sich mir einfach nur die Fußnägel hoch.

Wir – Tanja und ich – sind überzeugt, dass ein Leben mit Traumafolgestörungen eher einer Art ganz neuen Lifestyles gleicht (und vielleicht schaffen wir es ja sogar mit der Zeit, eine Art „sexy Lifestyle“ draus zu machen).

Wir wissen, dass Traumafolgen auch NACH einer erfolgreichen Therapie noch einen achtsamen Umgang und die regelmäßige Anwendung erlernter Techniken zur Selbstregulation brauchen. Das hat uns die Erfahrung gezeigt.

Es geht für uns nicht darum, das Trauma zu überwinden, und dann Schwupps – ist alles anders und wir können einfach so weitermachen, als wäre nie etwas passiert.

Unsere Traumafolgestörungen sind Narben. Manche ganz klein und unauffällig. Manche sind großflächig und schränken unseren Bewegungsspielraum im Alltag ein, wenn wir sie nicht eincremen, dehnen, ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken.

Das ist der Grund, warum wir hier nicht von „Heilung“ sprechen.

Wir steuern nicht nur auf diesen einen Moment, diesen vermeintlichen Wendepunkt in unserem Leben hin, ab dem wir wieder als geheilt gelten.

Wir integrieren unser Selbst, unsere Ecken, Kanten und all unsere Störungen. Wir gestalten unseren Alltag bewusst und achtsam liebevoll.

Wir lernen, mit unseren Traumafolgestörungen zu leben.

Und zwar vor, während und nach der Therapie.

Hilf uns, Traumabetroffenen zu helfen

Das große Ziel unseres Vereins sind kostenlose Therapieplätze für unsere Vereinsmitglieder und Traumabetroffene.

Wir übernehmen die Kosten der sogenannten „Selbstzahler Therapieplätze“, um damit Therapieplätze von nicht kassenärztlich zugelassenen Therapeuten kostenlos zur Verfügung zu stellen.

So schaffen wir mehr Therapieplätze und verringern die unmenschlichen Wartezeiten.

Deine Spende hilft uns, unser Ziel zu erreichen:

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