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Kintsugi für deinen Geist: Bedingungslose Selbstakzeptanz für mehr Selbstliebe und weniger Leidensdruck

Trauma als Stigma. Der Grund: Die Gesellschaft

TW: LIES HIER BITTE NUR WEITER, WENN DU DICH MENTAL STABIL FÜHLST.

Je intentiver ich mich mit Traumafolgestörungen beschäftige, je mehr ich meine eigenen Folgestörungen reflektiere, umso mehr frage ich mich: Ist der Leidensdruck für uns als Traumabetroffene vielleicht nicht auch deshalb so hoch, weil wir verzweifelt versuchen, wieder „gesund“ und „heil“ zu werden – und das nur um als gleichwertig betrachtet zu werden und dazu zu gehören?

Wird das STIGMA DER TRAUMATISIERUNG nicht dadurch verstärkt, gefördert und aufrecht erhalten, dass wir „in Watte gepackt“ und anders behandelt werden? Aber irgendwie halt doch nur temporär, weil die Gesellschaft erwartet, dass mentale Gesundheit mit ein bisschen Therapie zu 100% wieder hergestellt werden kann. Und hergestellt werden muss.

Schafft nicht genau diese Annahme eine toxische Grundvoraussetzung in der wir als Traumaüberlebende eigentlich nur versagen können?

Und – was viel wichtiger ist – ist es überhaupt notwendig, dass wir „auf Werkseinstellungen zurückgesetzt“ werden? Müssen wir denn wieder „normal“ ticken, damit wir akzeptiert, angenommen und geliebt werden können?

All diese Überlegungen lassen in meinen Augen nur einen einzigen Schluss zu: Wollen wir Traumatisierung und die lebensverändernden Folgen normalisieren, müssen wir uns von der Idee einer Leistungsgesellschaft verabschieden, in der nur diejenigen Individuen leistungsfähig sind, die als „mental gesund“ oder „geheilt“ gelten.

Vergoldetes Porzellan

Hast du schonmal von Kintsugi gehört? Kintsugi ist eine besondere Reparaturtechnik aus Japan. Gesprungenes Porzellan wird nicht so wiederhergestellt, dass die Schäden unsichtbar sind. Im Gegenteil: Die Bruchstellen werden mit Goldfarbe verziert, die Schäden dadurch hervorgehoben, das Porzellan zu einem eindrucksvollen und wertvollen Einzelstück.

Wir fühlen uns dabei so sehr an unser Gesundheitssystem erinnert, und an die Anforderungen, die die Gesellschaft an uns Traumabetroffene stellt, dass wir den Begriff „Kintsugi“ für unsere Denkweise über uns und unser Trauma übernommen haben.

Es sollte nämlich eigentlich gar nicht darum gehen, dass wir versuchen, den angerichteten Schaden möglichst vor anderen zu verbergen (angeblich, um bereits Traumatisierte nicht noch mehr zu Traumatisieren. Aber manchmal glaube ich, dass man einfach nicht hören will, was alles Schreckliches passieren kann). Und noch weniger sollten wir gezwungen sein, die traumatischen Erfahrungen ungeschehen zu machen.

Einmal zurücksetzen, bitte!

„Erfahrungen ungeschehen machen“. Schon seltsam, dass überhaupt irgendjemand auf diese Idee kommen sollte.

Auch, wenn therapeutische Ansätze grundsätzlich nicht darauf abzielen, etwas ungeschehen zu machen, sondern eher Geschehenes zu implementieren, ist da irgendwo in diesen ganzen Prozessen eine Kluft entstanden, die wir als Traumaüberlebende niemals überwinden können.

Gelten wir als „mental nicht gesund“ oder „traumatisiert“, wird schnell auf uns herabgeschaut. Jobchancen sinken in den Keller (und wer schreibt „sowas“ schon in seine Bewerbung), Freunde und Familie sind plötzlich total verunsichert, Therapeuten präsentieren sich in den sozialen Medien als die einzigen, die uns zum Heil verhelfen können, während wir gleichzeitig 6-18 Monate auf einen Therapieplatz warten, und dann nicht mal die freie Auswahl haben, was den|die Therapierende:n angeht.

Hinzu kommt, dass die Traumafolgestörungen – unsere Bruchstellen, um beim Bild des Porzellans zu bleiben – uns dass Leben so sehr vermiesen, dass wir NATÜRLICH so schnell wie möglich da raus wollen.

Wir haben also doppelt Grund, wieder zurück auf Anfang zu wollen: Wir wollen wieder gesellschaftsfähig sein. (wer will schon als minderwertig gelten?) UND: Wir wollen, dass es uns besser geht.

Also bitte, einmal auf Werkseinstellungen zurücksetzen, ja? Damit wir wieder perfekt ins Bild passen und einwandfrei funktionieren.

Von Selbstakzeptanz, Akzeptanz vergoldeten Folgestörungen

Ich stelle hier jetzt mal eine wirklich gewagte These auf: Unser dringendes Bedürfnis nach psychischer Gesundung und Rehabilitierung entspringt dem Bedürfnis, sozial eingegliedert zu sein. Nicht aus der Reihe zu tanzen. Menschen nicht zu vergretzen.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der Erwachsene Menschen andere Menschen bedingungslos mit all ihren Ecken und Kanten akzeptieren könnten (einschließlich Wutausbrüchen, Zickereien, Launenhaftigkeit), müssten Traumabetroffene weniger Angst haben, als Konsequenz für ihr Fehlverhalten ausgegrenzt zu werden. Unser Leidensdruck würde sich verringern.

Weißt du, meine Neigung zur Selbstverletzung zum Beispiel, die ist immer nur dann durchgekommen, wenn ich von Menschen zurückgestoßfen wurde. Wenn ich Angst hatte, nicht gut genug zu sein. Oder wenn ich mir selbst mein Anderssein zum Vorwurf gemacht habe. Ich hatte dann das Gefühl, mich selbst bestrafen zu müssen, um einen Ausgleich zu schaffen und wieder geliebt und akzeptiert werden zu können.

Wir sollten wirklich damit aufhören, uns selbst zu verachen und selbst zu bestrafen für das, was uns passiert ist. Mit unseren verzweifelten versuchen, uns gesellschaftlich anzupassen, tun wir nämlich genau das. Stattdessen sollten wir unseren Fokus auf uns selbst richten. Darauf, uns bedingungslos selbst zu akzeptieren. Und zwar so, wie wir JETZT – nach dem Trauma – sind. Ich wette, wir würden ganz viele belastende Verhaltensweisen von ganz allein loslassen. Und die Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, die uns dann immernoch das Leben schwer machen, könnten wir leichter analysieren, dechiffrieren und umprogrammieren. Weil wir nicht mehr damit beschäftigt wären, uns selbst zu verachten.

Ich bin davon überzeugt dass es Zeit ist, Traumatisierung zu Entstigmatisieren – das Ding ist nur leider: Das schaffen wir nicht allein, da muss die ganze Gesellschaft schon mitziehen. ABER: Wir können den Anfang machen. Wenn wir als Traumaüberlebende anfangen, uns nicht mehr so reparieren zu wollen, dass man hinterher nichtmal mehr sagen kann, dass überhaupt was passiert ist, sondern unsere Schäden, Bruchstellen, Ecken und Kanten vergolden – dann können auch die Menschen in unserer Umgebung nicht anders als hinzusehen und uns so zu akzeptieren, wie wir sind.

Und wer weiß? Vielleicht stellt sich ja sogar heraus, dass unsere Folgestörungen uns zu besonderen Unikaten machen. Mit besonderen Fähigkeiten und Talenten. Denk nur mal an deine Fähigkeit zur Selbstreflexion, Selbstanalyse und Selbstoptimierung. Mit bedingungsloser Selbstakzeptanz – und auch Akzeptanz dessen, was uns geschehen ist – erlauben wir uns, uns selbst so anzunehmen und zu lieben, wie wir sind.

Wir sind Kintsugi – aber eben als Menschen. Wir sind beschädigt aber trotzdem wunderschön.

Triff uns online

Wir haben eine kostenlose Selbsthilfegruppe für Menschen mit Traumafolgestörungen ins Leben gerufen – und wir laden dich herzlich ein, dazu zu kommen.

Es ist so wertvoll, wenn wir uns nicht mehr allein auf weiter Flur sehen sondern uns mit anderen Menschen austauschen können.

Außerdem geben Tanja und ich dir Tipps, mit denen du deinen Alltag mit Traumafolgestörungen leichter werden lässt.

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